Waldörfliches

Nun sind zwei Drittel meines ersten "offiziellen" Kindergartenjahres in Gruppenleitung rum; und ich merke immer mehr, dass vieles (noch?) nicht so meins ist, wie ich eigentlich dachte. Natürlich stehe ich hinter dem anthroposophischen Menschenbild - aber eben nicht nur. Auch Anthroposophen neigen dazu, ihr eigenes Süppchen zu kochen, und die schwimmt dann in einem Teller, dessen Rand meilenweit weg ist. Meilenweit.

Es gibt einfach Kinder, an denen geht "vorbildhaftes Tun" völlig vorbei. Es gibt Kinder, die keine eigene "Religiosität" mehr haben, keine verzauberte Ehrfurcht vor den Dingen, sondern wirklich die "kleinen Intellektuellen" sind, wie es Maria Montessori (glaub ich) mal sagte. Die haben nichts davon, wenn ich ihnen den Tausendfüßler zeige und in die Hand setze, da ist kein Staunen mehr - dat Tierchen müsste zerschnippelt und unters Mikroskop gelegt werden. Mach ich natürlich nicht. Aber das wäre bei manchen Kindern einfach dran.

Und es gibt Kinder, die verstehen weder meine Gesten, mein Tun, noch meine Sprache, weil sie in einer ganz anderen Welt zuhause sind. In einer Welt, die eine andere Kultur und eine andere Sprache hat, die gefüllt ist mit den neuen Medien und die sich auf ein paar Quadratmeter grauer Innenstadtwohnung befindet.

Für fast alle Kinder ist der Waldorfkindergarten eine andere Welt. Also Kindergarten ist eh immer eine andere Welt als zuhause, ja, aber der Waldorfkindergarten dann doch nochmal spezieller. Auch die Eltern, die Elemente aus dem KiGa nach Hause übernehmen, schaffen den Gleichklang oft nicht; Waldorfpädagogik ist mehr als Handarbeit und Naturmaterialien als Spielzeug, und mehr als alles andere ist es meiner Meinung nach der Blick aufs Kind. Und damit schließe ich ganz klar den Reinkarnationsgedanken ein. Eurythmie, Reigen, Nachahmung - damit können die Eltern gut leben. Bei Begriffen wie Ätherleib wirds schon schwieriger, und wenn dann noch der Reinkarnationsgedanke kommt, gehen bei vielen die inneren Türen zu.

Ist ja auch in Ordnung. Die Eltern müssen nicht zu Anthroposophen oder anderweitig Spirituellen werden. Sie müssen nur helfen, die Brücke zwischen zuhause und Kindergarten zu bauen. Ein bisschen was von unserem Lernansatz mittragen.
Und: die Waldorfpädagogen müssen diese Brücken mitbauen. Vielleicht nicht den Eltern mit Fachliteratur hinterherrennen und predigen, sondern sie da abholen, wo sie sich gedanklich befinden, ihre Sicht aufs Kind ausweiten und Anregungen für die Gestaltung des Alltags zuhause geben.

Wobei da das nächste Problem liegt. Ich bin dafür ausgebildet, eine Kindergartengruppe zu leiten, das heißt, den Alltag im Kindergarten dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder entsprechend zu gestalten. Punkt. Zuhause ist nunmal nicht Kindergarten und ich bin keine Erziehungsberaterin. Oft vertröste ich Eltern im Gespräch, weil ich mir selbst erst Rat oder Fachliteratur zu ihren Fragen suchen muss.

Manchmal frag ich mich auch, was die Eltern nun wollen. "Waldorf bitte ja, aber nur so wie ich mir das vorstelle." Viele wählen Waldorf, um für ihr Kind etwas "anderes" und "besonderes" zu haben, ohne auch nur ein bisschen was unserer Pädagogik mittragen zu können. Vielen ist das alles auch egal, die freuen sich, dass ihr Kind im KiGa gut aufgehoben ist. Das sind mir eigentlich die liebsten, die reden mir auch nie rein. *gg*

Wie ist es also nun mit meiner Waldorfpädagogik? Ich weiß es noch nicht so ganz genau. Ich weiß, dass ich mich damit gut verbinde, aber ich weiß auch, dass die Welt der Eltern keine "heile Waldorfwelt" ist.

Und ein großer Störfaktor für mich ist die enge Verbundenheit der Anthroposophie zum Christentum. Ich möchte den Kindern nicht diese Art Religiosität vermitteln. Ich möchte den Kindern die Liebe zur Natur und allem Lebenden mit auf den Weg geben. Abseits jeder von Dogmen geprägten Weltanschauung; wohl aber auch so weit weg wie möglich vom Materialismus. Abgesehen von der Überforderung, die Fernsehen, PC und Kino für die Kinder darstellt, vermitteln diese Dinge auch ein Gefühl der "Notwendigkeit", die Bilder sind bunter, schneller, witziger als manches echte.

Und eine Erziehung in den Weltfilm hinein ist das letzte, was ich für "meine" Kinder will. Soviel weiß ich ganz ganz ganz 100%ig. :)
Niphredil (Gast) - 4. Apr, 10:11

Hallo Feuerseele.

Ja ich verstehe, mir ist auch die mangelnde Religiösität aufgefallen. Es ist schade, aber wundert es wirklich? Es ist ja sehr auffällig, dass in unserer Gesellschaft eine Religion keine große Rolle spielt. Außer die Religion des Fernsehens. Es war ne Frage der Zeit bis die Kinder davon nichts mehr wissen. Dann werden auch immer mehr Kinder aus dem Reliunterricht geholt. Ich denke mir da, naja wenigstens das als gar nichts auch wenn es für mich nicht die Supadupa-Religion ist. Bei mir hat es wenigstens geholfen zu erkennen, dass diese Religion nichts für mich ist. Auch was wert...

Das Wort "Intellektuelle" passt wirklich sehr gut. Irgendwie wissen sie viel, aber dennoch denke ich das manche Kinder dumm wie Bohnenstroh sind, eben weil sie nur Wissen anhäufen. Auf den anderen Gebieten sieht es meiner Meinung nach echt schlimm aus. Es gibt wenige Kinder die "verzaubert" sind =/ Sie haben keine Fantasie mehr und sind durch Leuchten und Blitze so abgestumpft, dass sie nichts Normales mehr begeistert. Aber auch da, wunderts wirklich? Da wird das Kind vorm PC gehockt und da hats seine Fantasie... ich hab nichts gegen PC, aber für ein kleines Kind reicht ne halbe Stunde. Wenn ich kleine Kinder sehe sind zwischen mir und ihnen wirklich eine Welt. Sie werden mit einem sehr hohen Wissens- und Leistungsdruck erzogen. Der Kapitalismus hat unsere Erziehung und Kultur erreicht...

Was neues bieten... sonst wirds den Kleinen langweilig. Gerade langeweile fördert das Tun und Denken...

Du ich muß dir mal eine Geschichte erzählen. Kinder sind wundervolle Wesen, aber ich habe einmal ein wirklich außergewöhnliches Kind getroffen. Ich und mein Freund waren in einem Tierpark gerade spazieren. Dort zu Besuch war ein Kindergarten. Und uns fiel beiden ein Junge auf. Er war immer stark abseits von der Gruppe und blieb immer bei den Tieren solange wie möglich. Die anderen Kinder langweilten sich schon nach einem kurzen Blick auf eins.

Plötzlich sah er so eine behaarte Raupe auf dem Weg und er sagte zu uns: "moment stopp, ich muß ihn hier wegmachen sonst wird er totgefahren" Sau süß ^^ er hat ihn dann genommen und weggetragen. Er lief dann mit uns mit, der Kindergärtner hatte nichts dagegen. Und mir stockte schon der Atem als der Kleine einfach meine Hand nahm und mir das Krokodilgehege zeigte und erklärte. Er ließ dann meine Hand bis zum Ende nicht los was mich wunderte, weil ich eigentlich dachte er wäre etwas scheuer was Menschen betrifft.

Er erklärte mir auch die verschiedenen Vögel und zeigte mir begeistert seine gesammelten Federn.

Leider war der Ausflug dann zu Ende =/ Wir blieben auf dem Parkplatz stehen um ihnen im Bus noch zu winken und erst da fiel mir auf, dass ich selbst eine Handvoll wunderschöner Feder gesammelt habe. Ich rannte zurück, stieg in dem Bus und rief nach ihm da kam er schon angestürmt ^^ Ich hab ihm dann die Federn geschenkt und er war total glücklich ^^ Wir winkten ihm dann noch bis der Bus nicht mehr zu sehen war. Hach war das ein Kind... er hat mein Herz berührt ^^ Das muß einfach ein kleiner Engel gewesen sein. Ich hoffe wir dürfen auch mal so glückliche Mamas sein ^^

LG

Feuerseele - 8. Apr, 17:09

Was für eine wunderschöne Begegnung, ganz herrlich!! :)

Das, was Du schreibst, die Welt zwischen Dir und den Kindern. Ja so erleb ich es auch manchmal, und es tut mir in der Seele weh. Und das schlimme ist, die Eltern glauben ja, sie tun ihren Kinder was gutes mit PC, TV, Nachmittagsprogramm in Form von Musikschule, Ballett, Reiten, Englischunterricht ... Damit sie "gut aufs spätere Leben vorbereitet sind" ... Sie nehmen gar nicht wahr, wie ihr eigenes Kind in diese Konsumschleife gerät, wie der Zauber der Kindheit einfach so von Spongebob und Ice Age übermalt wird... Ich erzählte letzte Woche im Stuhlkreis die Geschichte vom Welten-Ei. Da heißt es, dass der Weltenvogel das Welten-Ei gelegt und ausgebrütet hat. Als es reif war, barst die Schale, und alle Menschen und Tieren und alles war da, und die Sonne schien und tauchte die Welt in bunte Farben. Da unterbrach mich ein Vierjähriger: "Aber Gott hat doch die Welt gemacht!" Und sofort begann ein Sechsjähriger mit einem Vortrag, wie die Welt entstanden ist: "Erst war da nichts, und dann war da eine Explosion. Da war ganz viel Lava und Erdbeben und die formten sich zusammen. Das hat unendlich lange gedauert, bis es so war wie es jetzt ist." Und eine DREI(!!)jährige stimmte zu und ergänzte noch das ein oder andere, hab ich aber vergessen, weil ich ziemlich perplex war. Ok, dass ein Sechsjähriger einfach den Drang hat, zu forschen und den Dingen auf den Grund zu gehen ist klar, aber derartig "exakte" Erklärungen haben einfach in dem Alter noch nichts zu suchen. :( Genauso erzählen mir die Kinder dann, dass es ja sowieso auch keinen Gott gibt, der alles gemacht hat. Das hab ich dann flugs mal dementiert, mit dem Argument (ich argumentiere vor Kindern, et is echt einfach nur traurig), dass ja jemand diese Explosion verursacht hat. Und DAS war Gott. Und zumindest da sah ich dann doch wieder staunende Gesichter. Das schöne ist, dass damit auch die Grenze des "Fassbaren" bei den Eltern erreicht ist, und sie da nichts mehr groß zerreden können ... Jedenfalls hab ich die Geschichte dann weggelassen. Hmpf.

:-)

Hallo Feuerseele,

hat ein wenig gekramt und diesen Beitrag von dir gefunden.

Ich finde du hast recht. Zwar bin ich keine Erzieherin und auch keine Pädagogin. Aber ich kann die Problematik gut nachvollziehen.
Ich habe schon öfter gehört, dass Leute ihre Kiddies auf Waldorfschulen schicken, ohne wirklich zu verstehen, worum es dabei geht. Außerdem bin ich der Meinung, dass manche Kinder nicht für diese Art der Pädagogik geeignet sind. Wenn das Elternhaus nicht mit zieht, ist die Freiheit, die der Waldorf-Weg bietet, total fehl am Platz.
Ich kenne ein Mädl, das recht... schwierig ist. Sie verweigert sich dem Unterricht. Geht zwar hin aber macht nicht mit. Und daheim macht sie auch nichts. Ihre Mutter, eine sehr lichtige Eso-Frau, die mit der Erziehung ihrer Kinder ziemlich überfordert ist, ist der Meinung, dass Mädchen wäre ein Indigo und es wüsste schon selbst was er lernen wolle und was nicht. So verbringt das Mädl die meiste Zeit damit auf den berliner Straßen abzugammeln (von dort komm die Familie) und in den Schulstunden SMS zu schreiben ohne all zu viel von dem mit zu nehmen, was die - aus meiner sicht sehr bemühten - Pädagogen ihr zu vermitteln versuchen.

Wie soll dieses Mädchen es schaffen einen sinnvollen Bezug zur Realität und zum Alltag zu bekommen? Wie soll es sich im Berufsleben zurecht finden? Aus meiner Sicht verschlimmert die Waldorfpädagogik in dem Fall alles nur.

Wie denkst du darüber?
Gruß
Alexis

Feuerseele - 8. Apr, 17:17

Wie alt ist denn das Mädel? Waldorfpädagogik verschlimmert meiner Meinung nach dann, wenn sie bei solchen Kindern mit schwebsiger Heileurythmie und dem hülligen esoterischen "die Welt ist ja so schön" - Gefühl ansetzt. Solche Kinder, wie Du schilderst, brauchen, so glaub ich, dringend Stärkung im Selbst-Bewusstsein: Die Erfahrung, Dinge selbst zu gestalten, und vielleicht auch durch das eigene Schaffen Freude zu bereiten. Das Mädel müsste merken, dass sie selbst sich ihr eigenes Leben schafft. Gärtnern z.B. und sich um die Pflanzen bemühen. Ist eine meiner Lieblingsempfehlungen für "flatterige" Kinder. Ab in den Garten, in der Erde buddeln, einpflanzen, pflegen. ;)
Indigo-Kinder ... weiß nicht recht, was ich von dieser Theorie halten soll. Es stimmt schon, dass die Kinder heute "anders" zur Welt kommen, als noch für 50 Jahren. Aber "indigo" ist immer auch eine "Entschuldigung", gerade für so Eso-Mütter...
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