Waldörfliches
Es gibt einfach Kinder, an denen geht "vorbildhaftes Tun" völlig vorbei. Es gibt Kinder, die keine eigene "Religiosität" mehr haben, keine verzauberte Ehrfurcht vor den Dingen, sondern wirklich die "kleinen Intellektuellen" sind, wie es Maria Montessori (glaub ich) mal sagte. Die haben nichts davon, wenn ich ihnen den Tausendfüßler zeige und in die Hand setze, da ist kein Staunen mehr - dat Tierchen müsste zerschnippelt und unters Mikroskop gelegt werden. Mach ich natürlich nicht. Aber das wäre bei manchen Kindern einfach dran.
Und es gibt Kinder, die verstehen weder meine Gesten, mein Tun, noch meine Sprache, weil sie in einer ganz anderen Welt zuhause sind. In einer Welt, die eine andere Kultur und eine andere Sprache hat, die gefüllt ist mit den neuen Medien und die sich auf ein paar Quadratmeter grauer Innenstadtwohnung befindet.
Für fast alle Kinder ist der Waldorfkindergarten eine andere Welt. Also Kindergarten ist eh immer eine andere Welt als zuhause, ja, aber der Waldorfkindergarten dann doch nochmal spezieller. Auch die Eltern, die Elemente aus dem KiGa nach Hause übernehmen, schaffen den Gleichklang oft nicht; Waldorfpädagogik ist mehr als Handarbeit und Naturmaterialien als Spielzeug, und mehr als alles andere ist es meiner Meinung nach der Blick aufs Kind. Und damit schließe ich ganz klar den Reinkarnationsgedanken ein. Eurythmie, Reigen, Nachahmung - damit können die Eltern gut leben. Bei Begriffen wie Ätherleib wirds schon schwieriger, und wenn dann noch der Reinkarnationsgedanke kommt, gehen bei vielen die inneren Türen zu.
Ist ja auch in Ordnung. Die Eltern müssen nicht zu Anthroposophen oder anderweitig Spirituellen werden. Sie müssen nur helfen, die Brücke zwischen zuhause und Kindergarten zu bauen. Ein bisschen was von unserem Lernansatz mittragen.
Und: die Waldorfpädagogen müssen diese Brücken mitbauen. Vielleicht nicht den Eltern mit Fachliteratur hinterherrennen und predigen, sondern sie da abholen, wo sie sich gedanklich befinden, ihre Sicht aufs Kind ausweiten und Anregungen für die Gestaltung des Alltags zuhause geben.
Wobei da das nächste Problem liegt. Ich bin dafür ausgebildet, eine Kindergartengruppe zu leiten, das heißt, den Alltag im Kindergarten dem Alter und Entwicklungsstand der Kinder entsprechend zu gestalten. Punkt. Zuhause ist nunmal nicht Kindergarten und ich bin keine Erziehungsberaterin. Oft vertröste ich Eltern im Gespräch, weil ich mir selbst erst Rat oder Fachliteratur zu ihren Fragen suchen muss.
Manchmal frag ich mich auch, was die Eltern nun wollen. "Waldorf bitte ja, aber nur so wie ich mir das vorstelle." Viele wählen Waldorf, um für ihr Kind etwas "anderes" und "besonderes" zu haben, ohne auch nur ein bisschen was unserer Pädagogik mittragen zu können. Vielen ist das alles auch egal, die freuen sich, dass ihr Kind im KiGa gut aufgehoben ist. Das sind mir eigentlich die liebsten, die reden mir auch nie rein. *gg*
Wie ist es also nun mit meiner Waldorfpädagogik? Ich weiß es noch nicht so ganz genau. Ich weiß, dass ich mich damit gut verbinde, aber ich weiß auch, dass die Welt der Eltern keine "heile Waldorfwelt" ist.
Und ein großer Störfaktor für mich ist die enge Verbundenheit der Anthroposophie zum Christentum. Ich möchte den Kindern nicht diese Art Religiosität vermitteln. Ich möchte den Kindern die Liebe zur Natur und allem Lebenden mit auf den Weg geben. Abseits jeder von Dogmen geprägten Weltanschauung; wohl aber auch so weit weg wie möglich vom Materialismus. Abgesehen von der Überforderung, die Fernsehen, PC und Kino für die Kinder darstellt, vermitteln diese Dinge auch ein Gefühl der "Notwendigkeit", die Bilder sind bunter, schneller, witziger als manches echte.
Und eine Erziehung in den Weltfilm hinein ist das letzte, was ich für "meine" Kinder will. Soviel weiß ich ganz ganz ganz 100%ig. :)
