Rothaarsteig Teil 1

6. Juli 2008: Dillenburg - Tiefenrother Höhe

Habe den allerschönsten Sonneuntergang meines Lebens gesehen. Ein Traum aus grauweißen Wolkenbergen, leuchtendem Blau und sattem Orange. Ganz exklusiv für mich, da ich weit und breit der einzige Mensch hier auf der Tiefenrother Höhe bin, auf der ich mein Zelt für heute aufgeschlagen habe.

Um kurz nach neun bin ich heut morgen vom Bahnhof in Dillenburg gestartet. Und habe nach einem knappen Kilometer schon gewaltig gelitten: der Rucksack ist viel zu schwer, und am schlimmsten sind die drei Liter Wasser in den beiden Seitentaschen. War das eine Wohltat, als eine der beiden Flaschen leer war... Musste sie natürlich wieder auffüllen, für die erste Nacht "in der Wildnis".

Wie auch immer, da muss ich nun durch, auch mit den bestimmt 16kg am Rücken. Habe ja nun auch 22km geschafft. Die ersten paar Kilometer durch Dillenburg - man hätte sie sich sparen können. Durch die Altstadt zum Wilhelmsturm hoch war noch ganz nett, aber dann durch hässliches Vorstadtgebiet und eine Siedlung durch, dat war mal nix. Aber dann gings endlich in den Wald, der sich nach wenigen hundert Metern wieder lichtete, und einen herrlichen Blick auf die Wiesen, Felder und Wälder rund um das absolut idyllische Dörfchen Manderbach freigab. Über einen Wiesenweg gings hinab und auf Feldwegen weiter an Manderbach vorbei und wieder hinein in den Wald.

Auf Waldwegen und -pfaden, teilweise angenehm federnd, teilweise blöd grob geschottert ging es in herrlichem Sonnenschein bei einer angenehmen Brise an Rodenbach und Fellerdilln vorbei, bis man vor der imposanten Lucaseiche steht. Benannt nach einem früheren Förster der Gegend ist sie mit ihren geschätzten 220 Jahren mittlerweile ein Naturdenkmal.

Von der Lucaseiche aus führte mich der Rothaarsteig über die Kalteiche - eine einzige Kyrill-Wüste - und von dort zu einem "Haubergspfad" auf einer schön gelegenen Höhe. In der Schutzhütte fand ich einen kleinen, mit Runen verzierten Holzstab, in dem eine Feder steckte; daneben lag ein eingeschweisstes Johannes-Evangelium. Was die Runen bedeuteten, weiß ich nicht, die einzige, die ich sicher erkannt habe, war Algiz; und da ich noch vor wenigen Monaten der Wurzelfrau
erzählt hab, dass ich drauf warte, dass mir Runen "zufallen" und mich quasi einladen, mich mit ihnen zu beschäftigen, werd ich genau damit nun mal anfangen. :-)

Der "Weg der Sinne" war jedenfalls heute genau das. Besonders intensiv - und schön! - fand ich die Gerüche von und in Wald und Feld. Und das Gefühl der Bodenwärme, die einem auch bei einer kräftigen Windbö regelrecht entgegenstrahlt.
Die vielen Schotterpisten waren doof und anstrengend, federnder Wald- und Wiesenboden eine Wohltat. Abwechslungsreich war es bis hierhin allemal und es war ein guter erster Wandertag.

Aber ich habe bei mir - mal wieder - beobachten können, dass ich vor lauter Rücken- und Nackenschmerzen wegen des Rucksacks oft nicht wirklich abschalten konnte; dass aber immer, wenn es gerade besonders schlimm war, entweder eine wunderschöne Aussicht oder eine dieser genial geformten Ruhebänke auftauchte, die mein innerliches Gejammer schlagartig verstummen ließen bzw sogar ein Freude umwandelten.

Was ich nicht schaffe, ist, wirklich mal "zeitlos" unterwegs zu sein. Es ist wie ein Zwang, immer mal wieder auf die Uhr zu gucken, und auf der Karte die Kilometer zu verfolgen, um dann auszurechnen, wie lang ich wohl noch brauchen werde und wo ich wohl eventuell übernachten könnte. Dabei ist das doch scheißegal! Ich habe alle Zeit der Welt, hab mein Dach überm Kopf im Rucksack, und es sollte mich überhaupt nicht interessieren, wo ich abends ankomme. Aber so ganz loslassen kann ich offensichtlich noch nicht.

Nun, jetzt steht mein Zelt wie gesagt auf der Tiefenrother Höhe. Die Aussicht von hier oben ist einfach phantastisch. Und die Abendsonne war so warm vorhin, dass ich kurzerhand alle Klammotten ausgezogen hab und mich splitterfasernackt auf meine Isomatte vors Zelt legte. *lach* Das hab ich zuletzt als Kind am FKK-Strand gehabt. Herrlich war das. Sollte ich öfter machen.

Begegnungen gab es nur wenige, größtenteils waren Senioren oder Radfahrer unterwegs. Aber man ist hier sehr freundlich zueinander, grüßt mit einem lockeren "hallo" statt dem förmlichen "guten Tag", und wünscht sich "frohes Wandern". Beim Zeltaufbau bewunderten zwei Frauen meinen Mut, und waren nach einem kurzen Gespräch glaub ich durchaus inspiriert. Eine der beiden wird sich bestimmt auch bald mit Zelt auf den Weg machen.

Ja, so war das heute.
Bei Manderbach lief wenige Meter vor mir ein Fuchs von einem Feld auf das nächste. Ein ganz wunderschönes, großes, dunkelrot leuchtendes Tier.
Und aus den Wolken über mir blinzelte mich ein geflügeltes Krokodilwesen an, und ein Schwein unterhielt sich mit einem umgedrehten Seepferdchen, das ihm vor der Nase herflog. :-)

Mir tut zwar jetzt im Moment alles weh, aber es war ein wirklich schöner Tag. Und nun - Zelt zu, Schlafsack zu. Meine erste Nacht ganz allein ganz draußen. Ich bin gespannt!

7. Juli 2008: Tiefenrother Höhe - Ederquelle

Uaaah wat ne Nacht! Mein Zelt stand auf leicht schrägem Boden, was ich aber erst im Liegen merkte. Und scheiße, ist das ein hartes Lager auf der Isomatte ... Tatsächlich taten mir meine Knochen so weh, dass ich gar net mehr viel pennen konnte, so bin ich also aufgestanden und recht früh wieder losgewandert. Mit meinem Wanderstock, den ich gestern noch auf dem Weg gefunden habe; hab ich ganz vergessen zu erwähnen. Ein langer Ast lag rechtwinkelig geknickt auf dem Weg. Als ich ihn entzweidrehte, hatte er an einem Ende eine "Punkerfrisur", und er ist nun mein Begleiter. Ich nenne ihn "Knorx", wegen dem Geräusch, was er beim Drehen gemacht hat .......

Ein grandios schöner morgen ist es gerade, ich sitze an der Dillquelle und genieße die Stille des Waldes. Zuerst kam ich an den Aussichtspunkt "Nase im Wind" an der Tiefenrother Höhe, und diese Aussicht versetzte mich tatsächlich in andächtiges Staunen. Ein Rundum-Panorama wie es schöner nicht sein könnte, bei absolut klarer Sicht; sogar den Kindelsberg konnte ich winzig klein in der Ferne erkennen.

Der Rothaarsteig führte mich weiter durch schöne Wälder, sehr ruhig, sehr angenehm zu gehen. Aus einem Tannenwäldchen hoppelte mir ein stattlicher Feldhase über den Weg. Warum ich einen Feldhasen mitten im Wald und einen Fuchs im freien Feld sehe, weiß ich allerdings auch nicht ...

Das Tannenwäldchen wurde bald zu einem richtigen Tannenwald; es duftete harzig-moosig, der Boden federte angenehm, die Sonne blitzte durch die Zweige. Ich ließ meinen Blick schweifen und sah mitten in diesem Tannenwald, keine 10m abseits des Wegs, eine markante, knorzelige Eiche stehen. Ihr Stamm war geformt wie ein " < " , sie war sehr klein und an vielen Stellen schon abgestorben; aber nach oben hin verdichteten sich ihre Äste, Zweige und Blätter zu einer wirklich imposanten Baumkrone.
Sie steht dort als einziger Laubbaum weit und breit und wirkt dadurch, und durch ihre Gestalt, fast magisch. Wie alt sie wohl ist, und wie sie sich dorthin verirrt hat?

Nun sind meine zwei Wasserflaschen mit leckerem Dill-Quellwasser gefüllt, und ich werd mich mal wieder auf den Weg machen. Mal schauen, wo ich heute lande. Es ist wesentlich kühler als gestern, und ziemlich stürmisch. Eigentlich nicht verkehrt, schwitzt man nicht so schnell. :-)

--

26km sind es insgesamt heute geworden. Die zweite Nacht im Zelt beginnt, habe mich direkt verkrochen, es regnet, und zwar heftig. Mein Schlafsack ist am Fußende gut feucht, ich glaub, ich hab den Rucksack irgendwo falsch abgestellt, der Rest scheint trocken zu sein ... hoffe, das Zelt ist dicht.

Mein Zeltplatz hier an der Ederquelle ist ... ziemlich düster. Hoffentlich schieb ich keine Panik nachher. Eigentlich wollte ich ja in Großenbach bleiben, wo es laut Plan eine Schutzhütte gibt. Die gibt es auch, sie ist aber direkt an der Hauptstraße. Hatte sich also erledigt, so dass ich nochmal strack sechs Kilometer drangehängt hab.
Die haben sich durchaus gelohnt, wie auch der ganze Weg hierhier - fast nur durch Wald, schöne "Rastplätze" mit den tollen Bänken, tolle Ausblicke - und viele Quellen: Dill, Ilse, Lahn, Ilme, Sieg - und jetzt die Ederquelle.

Die Ilsequelle ist eine besondere Quelle, die schon im Mittealter als Heilquelle galt. Erstaunlich ist, dass ihr Wasser tatsächlich besonders ist, nämlich aufgrund seiner Zusammensetzung komplett "rechtsdrehend", während "normale" Wasser abwechselnd rechts-links-drehend sind. Und viel erstaunlicher ist, dass wir das seit den 80ern durch Laboranalyse wissen - aber die Menschen, die früher hier Heilung suchten, wussten es offensichtlich auch ohne derartig wissenschaftliche Untersuchung. Ich komme nicht umhin zu denken, dass wir viel zu viel unseres alten, intuitiven Wissens, verlieren; ein Opfer, das der Materialismus fordert, und ein Preis, den wir alle bereit sind, zu zahlen.

Auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz durchquerte ich das Örtchen Benfe, und meisterte den langen Anstieg in den Wald hinein in Rekordzeit. Ich hatte nämlich leichte Sorge, einfach keinen guten Zeltplatz mehr zu finden... Wieder im Wald, an einer freien Stelle, wo Baumstämme gestapelt waren, flitzte ein Fasan aus dem Gebüsch auf den Weg, sah mich, blieb wie angewurzelt stehen (ich auch), und huschte zurück ins Gebüsch. Schon drei Tiere, und alle drei schienen sie mir ganz besonders schöne Exemplare zu sein. Soll mir das was sagen?

Nun, Zirbel-sei-Dank (ich musste meinen Wanderstock umtaufen, denn "Zirbel" kreiste in meinem Unterbewusstsein, angelehnt natürlich an Hans Bemmann's Märchenroman "Stein und Flöte") kam ich bis hierher an die Ederquelle. Bin ich froh, dass ich diesen Stock habe, echt. Die Wege sind tatsächlich überaus "naturnah", und von lauter Wurzelwerk durchzogen. Oder auch immer mal wieder geschottert. Merke: Stolpern kann man auch über den kleinsten Stein...

Wirklich gefallen tuts mir hier nicht, es ist wirklich düster. Aber nun ja. Ich bin ziemlich erschöpft und weiter schaffe ich heute nicht mehr. Die Geräusche des Waldes sind mir auch ein wenig unheimlich. Von irgendwoher klingt ein Tierruf, und zwar wie eine Mischung aus blöken und bellen... Und der Regen prasselt auf mein Zelt, und ich frag mich, ob ich wohl schlafen kann ... Wenigstens war ich schlau genug, auf meiner Isomatte kurz probezuliegen, ob der Boden auch gerade ist. Das nennt man wohl "Lernen aus Erfahrung". :-) So dann, Taschenlampe aus, Schlafsack zu. *einmummel*

8. Juli 2008: Ederquelle - Giller / Abbruch

Nachdem mein Zelt heut morgen von außen natürlich quietschenass war, und von innen - Atmen und Ausdünsten sei Dank - auch gut feucht, kam mir schon der Gedanke, dass das irgendwie nicht so gut ist ... Der Schlafsack war ja auch noch feucht und wirklich warm wars mir nicht. Ich musste das Zelt auch so einrollen, mein einziges Handtuch opferte ich, um wenigstens die Nässe nur noch in Feuchtigkeit zu verwandeln.

Im kontinuierlichen Dauerniesel wanderte ich auf den Giller und habe dort - nach ziemlich genau 60km - meine Wanderung beendet und bin nachhause gefahren. Es ärgert mich, und es ruft mich auch wieder nach draußen; sobald das Wetter besser ist, werd ich weitergehen. Habe Zirbel dort oben zurückgelassen. Er ist nicht zum "Pausieren" gedacht, und ein anderer Wanderer hat ihn sicher nötiger als ich zuhause. Aber es tat mir fast weh, diesen so optimalen Wanderstock zurückzulassen; zumal er, durch die Wärme und den Schweiß meiner rechten Hand, etwas von seiner alten Maserung zurückbekommen hat. Vielleicht, ganz vielleicht, habe ich ja Glück, und er steht noch dort, wenn ich weitergehe.

Trotz Regen und trüben Grautönen war die Strecke bis zum Giller landschaftlich wunderschön. Das Edertal ist wirklich ein kleines Paradies. Links neben dem Waldweg schlängelt sich in der Talmulde, nur wenige Meter tiefer, die Eder durch ihr teilweise gerölliges Bachbett. Es wächst ein hohes, weich aussehendes Gras, das in hellen Grüntönen schimmert. Auf der anderen Seite des Tals ragt wieder Wald in die Höhe. Und im Tal selbst erhebt sich hier und da vereinzelt eine prächtige Tanne, oder steht ein kleines Birkengrüppchen.

So schön dieser Anblick auch war, so unsagbar ätzend war der Weg zu gehen. Wer ist eigentlich auf die selten dämliche Idee gekommen, Waldwege zu schottern? Also nicht mit feinem Kies, nein, mit richtig grobem Schotter, der einem die Knöchel in alle Richtungen dreht, wenn man nicht aufpasst...
Selbst platter Asphalt ist schöner zum Wandern...

Tja und wer war es nun? Der Mensch. Der muss ja mit seinen Fahrzeugen auch in den Wald fahren können...
Das nervt und ärgert mich. Der Rothaarsteig ist ab Manderbach wirklich schön, sowohl landschaftlich, als auch größtenteils von der Wegbeschaffenheit her. Es wurde sich mit Markierung und Ruhebänken und Informationstafeln wirklich viel Mühe gegeben. Aber überall hat der Mensch seine Spuren deutlich hinterlassen. Traktorspuren, Plastikpapierchen, Baufahrzeuge, Zigarettenstummel. Und egal, wie weit man "draußen" ist, irgendeinen Verkehrslärm hört man immer. Schade.

Nun bin ich daheim und sinniere noch ein bisschen.
Darüber, dass ich es nicht schaffe, mich einer Art Zeitlosigkeit hinzugeben. Darüber, dass die Zeit an sich eine völlig andere ist, wenn man zu Fuß in der Natur unterwegs ist. Darüber, dass mir nämlich diese zweieinhalb Tage Draußensein vorkommen wie eine ganze Woche.

Die Seniorengruppe am ersten Tag traf mich als naturverbundene Wanderin, und freute sich über die Begegnung. Hätten sie mich Sonntags abends im Düsteroutfit inklusive Springerstiefel und Nietenhalsband gesehen, sie hätten wohl ablehnend nur den Kopf geschüttelt.
Und kann man's ihnen übel nehmen? Die Generation, die zu Kriegszeiten die damalige Jugend war, der eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit schlichtweg nicht möglich war, weil sie einen durch den Krieg, die Familie und den Lebensraum vorgegebenen Lebensweg einschlagen mussten?

Gelassenheit will ich üben. Wenn der Opi mit Hütchen im Auto vor mir meint, 60km/h außerorts seien schnell genug, dann ist das eben so. Erstens könnte es auch mein Opi sein, auch wenn der mal noch keinen Hut beim Fahren trägt, und zweitens hat niemand es so eilig, dass es auf drei Minuten mehr oder weniger ankommt.

Vorhin, auf dem Weg von meinen Großeltern nach Hause, boten die Wolkenberge in der Abendsonne einen tollen Anblick. Formschön und farbgewaltig. Da war es mir gerade recht, dass die Ampel der Hauptkreuzung auf rot sprang. Ich war aber wohl die einzige, die das Wolkenschauspiel bewunderte; die Menschen in den Autos um mich rum guckten auf die Ampel, in den Spiegel, oder auf ihre Handys; die Bauarbeiter auf dem Gerüst waren um 21 Uhr noch zu beschäftigt, um inne zu halten.

Traurig.

Mein Bett ist herrlich weich, aber ich wäre lieber draußen im Zelt. Das aber ist noch feucht eingerollt, weil es immernoch dauernieselt und ich es nicht zum trocknen aufbauen kann.
Ich hätte Zirbel gerne hier, werde morgen zum Giller fahren und gucken, ob er noch da ist.
Und sobald das Wetter besser ist, gehts wieder nach Draußen, weiter auf dem Rothaarsteig.
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